Konstruierte Stimmen und schreiende Grrrls

Die Stimme, als Instrument, das in Tonhöhe, Register, Klangfarbe und Perkussivität variieren kann, wird als entweder männlich oder weiblich gehört. Diese Gender-Konnotation der menschlichen Stimme gehört zu jener kulturellen Konstruktion von Geschlecht, nach der eigentlich unbestimmte Körpermerkmale innerhalb der normativen zweigeschlechtlichen Struktur eindeutig zugeordnet werden. Simon Frith und Angela McRobbie stellen 1978 in „Rock and sexuality“ zwei stereotype Vorstellungen männlicher Sexualität in der Rockmusik vor, die auch über stimmliche Charakteristika konstruiert werden (vgl. Frith, McRobbie 2007). Die Stimme im „Cock Rock“, der als aggressiver Ausdruck männlicher Sexualität und Härte gilt, zeichnet sich über den Ausschluss typisch „weiblicher“ vokaler Klangfarben aus:

„The typical ‚cock‘ rock vocal sound is hard and rasping, produced overwhelmingly in the throat and mouth, with a minimum of recourse to the resonating chamber of the chest and the head.“ (Shepherd 1991:167)

Dem gegenüber stellen McRobbie und Frith die „Teenybop”-Sänger der 1960/70er Jahre, deren Musik sich hauptsächlich an Mädchen richtet und die Vorstellung von weiblicher Sexualität als emotional gebundenen Akt evoziert (vgl. Frith, McRobbie 2007:45). Hierbei werden stimmlich weiche Klangfarben und die Kopfstimme genutzt. Die beschriebene Distinktion zweier unterschiedlicher männlicher Stimmen, die jeweils mit bestimmten sexuellen Konnotationen einhergehen, sieht John Shepherd ebenso bei Sängerinnen. In Analogie zu „Teenybop“ und „Cock Rock“ unterscheidet er die „woman-as nurturer“ Stimme von der „woman-as-sex-object“ Stimme. Doch im Gegensatz zur männlichen Sexualität im „Cock Rock“, sieht er die weibliche Parallele als bloße Reaktion auf eine männliche Vorstellungen von sexuell attraktiver Weiblichkeit (vgl. Shepherd 1991:169).
So scheinen sich Anforderungen an Weiblichkeit auch in stimmlichen Charakteristika der Popularmusik zu manifestieren; der Dualismus des „the to-be-looked-at sex object or the woman with balls“ lässt sich auch im Gebrauch der Stimme wiederfinden. Die schmale Gradwanderung der Sängerinnnen zwischen beiden Formen wird von Shepherd beschrieben:

„The masculinity appropriated in the processes of actively generating a ‚sexually desirable‘ female image steps over into the masculinity adopted in actively becoming ‚one of the boys‘.” (Shepherd 1991:167)

Ich möchte im Folgenden argumentieren, dass Riot Grrrl diesen Dualismus und die damit einhergehenden Konnotation von weiblicher Sexualität dekonstruieren, indem sie eigene Stimmen entwerfen, die im Punk- und Rock-Kontext neu sind.
Im Song „Stay Away“ von Heavens To Betsy singt Corin Tucker über eine Person von der sie sich belästigt und verletzt fühlt. Der Refrain besteht aus den Wörtern „Stay Away“ von denen ersteres mit ruhiger, klangfarblich weicher, melodiöser Stimmführung zur ebenso melodiösen Gitarre gesungen wird. Beim zweiten Wort bricht plötzlich ein stark verzerrter Gitarrenakkord ein und die Stimme schreit aus voller Kehle. Der Schrei wirkt in seiner Tonhöhe, Lautstärke oder Klangfarbe nicht kontrolliert, sondern wie ein unkontrollierter, emotionaler Ausbruch: kreischend, schrill und laut. Corin Tucker beschreibt den Gebrauch ihrer Stimme:

„I could be like a pretty normal singer if I want to but it’s part of the music that the vocals are really striking and really confrontational almost, and that was always something I was conscious of.“ (Koch 2006:3’45’’)

Einen ähnlichen Stimmen-Wechsel wie Corin Tucker, vollzieht Molly Newman von Bikini Kill bei einem Auftritt in Washington D.C. 1992 (Peyoteshaman 2007:2‘53‘‘). Ihre Stimme schwankt hier zwischen einem kräftigem, wütenden Schreien und einem eher panisch-angsterfülltem Schreien, in beiden Fällen sind die Schreie wortlos. Simon Frith beschreibt den semantischen Gehalt von nicht-sprachlichen Stimmlauten:

„Certain physical experiences, particularly extreme feelings, are given vocal sounds beyond our conscious control – the sounds of pain, lust, ecstasy, fear, what one might call inarticulate articulacy.“(Frith 1996:192)

Was Frith für die menschliche Stimme im Allgemeinen erläutert, verdeutlichen Joanne Gottlieb und Gayle Wald im Hinblick auf die ambivalente Semantik des weiblichen Schreiens:

„[…]far from being a fluid signifier, screams are also emotional ejaculations bearing specific associations with highly charged events – like rape, orgasm, childbirth.“ (Gottlieb, Wald 1994:261)

Das Schreien kann also sowohl Zeichen von Verletzlichkeit und Hilflosigkeit, als auch von ekstatischer Freude oder von Wut und Aggression sein. Diese verschiedenen semantischen Ebenen finden sich in Riot Grrrl-Songs wieder, wobei sich die Wut im Kontext der Songtexte explizit gegen Aspekte der Verletzung von Frauen, wie sexuellem Missbrauch, Gewalt oder Magersucht richtet. Dabei wird keine Opferhaltung eingenommen, sondern lautstark Selbstbewusstsein gegenüber der weiblichen Identität ausgedrückt. Im Song „Lil Red“ von Bikini Kill besingt Kathleen Hanna die Trennung von einem Mann und beschreibt offensiv und selbstbewusst ihren Körper: „These are me tits, yeah / And this is my ass / And these are my legs / Watch them walk fucking away.” Nach der Strophe produziert Hanna gutturale Geräusche, die an Würgen erinnern und in dieser Lesart als Zeichen der Abneigung gelten können. Neben dieser „unweiblich“-vulgär konnotierten Ausdrucksweise nutzt Hanna in anderen Songs wie z.B. „I like fucking“ eine mädchenhaft-melodiöse Stimmführung im Refrain, und stellt dieser einen bis zum Kreischen gesteigerten Gesang in den Strophen gegenüber. Sie beschreibt den Gebrauch unterschiedlicher Stimmen:

„I think the human voice is really interesting, I think women using it in weird ways and playing characters [sic!][…]. I was really into that in Bikini Kill, being like an authoritative man and then being the girl screaming back at the authoritative man in the same song or sampling others women’s voices within a song.” (Koch 2006:8’30’’)

Indem die Sängerinnen Corin Tucker und Kathleen Hanna unterschiedliche Stimmen in ihren Songs nebeneinander stellen, zeigen sie unterschiedliche Weiblichkeiten auf, die mit den Gesangsstilen konnotiert sind. Sie zeigen Spannungen innerhalb des Gender-Diskurses von Weiblichkeit auf, indem sie diese in ihrem Gesang gegenüberstellen. Durch das zusätzliche (meist) wortlose Schreien, schaffen sie neue weibliche Stimmen, die sich nicht in den Dualismus „sex-object“ – „women with balls“ einfügen. Die Unkonventionalität dieser dritten Stimme zeigt sich auch in den Erfahrungen, einiger Frauen der Riot Grrrl-Szene:

Tamra Spivey: „If girls are screaming, it’s not valid, but if boys are screaming, it’s valid.”[…]

Jessica Rosenberg: „I heard this boy at my school say that he doesn’t like to hear girls screaming. We have these different sort of aesthetics of what should be pretty voices.”(Rosenberg, Garofalo 1998:832)

Quellen:

Frith, Simon; McRobbie, Angela (2007): „Rock and sexuality [1978/79]”. In: Simon Frith, Taking popular music seriously: selected essays. Aldershot: Ashgate. 41-58.

Shepherd, John (1991): Music as social text. Cambridge: Polity Press.

Koch, Kerri (2006): Don’t need you: Herstory of Riot Grrrl. [DVD]. Baltimore, MD: Morphius Records.

Frith, Simon (1996): Performing rites: on the value of popular music. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Gottlieb, Joanne; Wald, Gayle (1994): „Smells like teen spirit: Riot Grrrls, revolution and women in independent rock“. In: Ross, Andrew; Rose, Tricia, Microphone friends: youth music and youth culture. London & New York, NY: Routledge. 250-274.

Rosenberg, Jessica; Garofalo, Gitana (1998): „Riot Grrrl: Revolutions from within”. In: Signs: Journal of women in culture and society (23/3). Chicago: The University of Chicago Press. 809-841.

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Konstruierte Stimmen und schreiende Grrrls

Wild Flag – Wild Flag


Die Geschichtsschreibung von Riot Grrrl und assoziierten Bands kann zukünftig eine Supergroup verzeichnen. Ihr Name ist Wild Flag und die Mitglieder sind Carrie Brownstein (Sleater Kinney), Rebecca Cole (The Minders), Mary Timony (Helium) und Janet Weiss (Sleater Kinney). Die Wege der vier Musikerinnen aus Portland, Oregon und Washington, DC kreuzten sich bereits zahlreich und auf vielfache Weise: Sleater Kinney tourte mit Helium, The Minders spielten im Vorprogramm von Sleater Kinney, Brownstein und Timony musizierten bei The Spells. Die gemeinsame Zusammenarbeit der befreundeten Musikerinnen lag also auf der Hand. Durch ein gemeinsames Filmmusik-Projekt für eine Dokumentation wurde diese Zusammenarbeit im letzten Jahr auch konkret.

Seit Ende 2010 tourten Wild Flag ausgiebig durch die USA und spielten unter anderem beim SXSW Festival in Austin, Texas. Das erste selbstbetitelte Album erscheint zwar erst am 13. September bei Merge Records, kann aber bereits jetzt auf der Webseite der amerikanischen Radio-Organisation NPR angehört werden.

Der Track „Romance“, der bereits im Juni als Single veröffentlicht worden ist, bildet den Opener des Albums und macht dem/der Hörer_in die Entscheidung zum Weiterhören von Beginn an ganz und gar nicht schwer. Die Gitarren-Melodien kuscheln sich ins Gehör, machen sich im Kopf breit und führen unverzüglich zum Mitnicken und -wippen. Einfach und eingängig im besten Sinne. Die hier besungene Romanze ist eine Liebeserklärung an die Materie selbst – an die Musik:

We love the sound, the sound is what found us.

Um Vergänglichkeit, Zerbrechlichkeit, Kurzlebigkeit und wie Musik uns Bewusstsein hierüber verschafft geht es auch in „Glass Tambourine“:

Listen to the music, to the music
before it passes you by
if you don’t lose it
you’re gonna use it
the black lullaby

Das live-eingespielte Album überzeugt vor allem durch die melodiösen Gitarren- und Keyboardriffs sowie die Gesangsharmonien, die bis zur Vierstimmigkeit reichen (z.B. in „Glass Tambourine“). Die Songs sind poppig und rau zugleich, die Gitarren schrammeln, die Tasten singen, die Stimmen kreischen und verschmelzen im nächsten Augenblick zu vielschichtigen Harmonien. Gerade diese verleihen den Refrains eine Energie, die verdeutlicht, dass die Musik von Wild Flag mehr ist, als die Summe der Fähigkeiten der einzelnen Musikerinnen. Sie „harmonieren“  im Wortsinn.  Janet Weiss beschreibt im Interview ihre Einstellung zu der in der Medienresonanz zur Band omnipräsenten Kategorie der Supergroup:

I do think we’re more than that and most supergroups really suck.

Ich kann ihr nur Recht geben: Wild Flag sind mehr als vier prominente Namen, die eine Band bilden.
Neben zahlreichen US-Shows in den kommenden Monaten bereisen Wild Flag im Dezember auch das http://www.atpfestival.com/“>All Tomorrow’s Parties Festival in England. Bleibt nur zu hoffen, dass sie im Zuge dieses Europa-Abstechers den einen oder anderen Konzerttermin in Deutschland anschließen…

Wild Flag – Wild Flag