Punkrockerinnen? – Weiblichkeiten in männlichen Strukturen

Im vorhergehenden Artikel habe ich mich mit der Frage beschäftigt, inwiefern die Entstehung von Punk neue Handlungsmöglichkeiten für Frauen in der Musik dargestellt hat. Nun möchte ich die zum Teil konträren Vorstellungen und Konstruktionen von Weiblichkeiten in der Subkultur beschreiben:
Die vorherrschende männliche Dominanz im Punk, die die Normen innerhalb der Szene festlegt, stellt eine zusätzliche Herausforderung an die genderspezifische Identität von Frauen dar. Die subkulturelle Identität wird durch Männlichkeit erst definiert, männliche Punks stellen somit „die unmarkierte Form“ dar (Spender 1990:20). Frauen befinden sich als Ausnahme von dieser männlichen Norm, zwischen den Anforderungen der subkulturellen Männlichkeit und der gesellschaftlichen Vorstellung von Weiblichkeit.
Lauraine Leblanc thematisiert diese Schwierigkeit in ihrer Studie „Pretty in punk: Girls‘ gender resistance in a boys‘ subculture“. Hierin beschreibt sie die ambivalenten Anforderungen der männlichen Punks an Frauen in der Subkultur:

„they should be tough, like the guys, but they should also be pretty and sexually available“ (Leblanc 1999:130).

Die hier beschriebenen möglichen Rollen von Frauen im Punk beschränken sich auf den von Bourdieu als „double-bind“-Situation beschriebenen Widerspruch, der auch von Joanne Gottlieb und Gayle Wald thematisiert wird: „the to-be-looked-at sex object or the woman with balls“ (Gottlieb, Wald 1994:260)
Die NPR-Studie „Hey Ladies: Being a woman musician today“ zeigt, dass sich auch im Jahr 2010 aktive Musikerinnen mit diesen Anforderungen konfrontiert sehen:

Anonym (*1982): „It bothers me that looks are important, even in the indie world. […] I guess that double standard exists in society at large, and it appears in the music world in microcosm.” (NPR 2010)

Die Motivation von Mädchen, Teil einer subkulturellen Szene zu werden, besteht häufig in der Abgrenzung von und dem Widerstand gegen gesellschaftliche Normen und Rollenbilder von Weiblichkeit. Leblanc sieht das Alter in dem Mädchen sich einer Subkultur zugehörig fühlen, als Anzeichen hierfür. Mit Beginn der Pubertät (circa 13 Jahre) werden genderspezifische Aspekte der Identität zunehmend entwickelt: Um den hiermit verbundenen Normen zu entweichen, betreten diese Mädchen das „männliche Feld“ des Punk, auf welchem sie keine Restriktionen erwarten (vgl. Leblanc 1999:101-102). Paradoxerweise rebellieren Punks zwar einerseits gegen gesellschaftliche Normen, andererseits werden in Bezug auf Gender-Konventionen gesellschaftliche Normen übernommen und so widersprüchliche Rollenanforderungen an Frauen etabliert. Die Reaktionen von Mädchen auf diese Erwartungen sind unterschiedlich:

„Some wholeheartedly adopt the masculinity of the subculture, others negotiate between conventional femininity and punk masculinity, while still others seek to re-inscribe the meanings of conventional femininity.” (Leblanc 1999:150)

Während viele der von Leblanc interviewten Frauen sich der Wirkung männlich geprägter Strukturen durchaus bewusst sind, diese subjektiv als unterdrückend empfinden und in den Interviews den Willen artikulieren, dieser Unterdrückung etwas entgegenzusetzen, wandeln sie dies nicht in tatsächliche Aktionen um. Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass dem Willen nach Veränderung der subkulturellen Gender-Normen der Wunsch gegenübersteht, Teil der Subkultur zu bleiben. Wenn aber der Standard zur Teilhabe von männlichen Normen festgelegt wird, ist diese kaum ohne die Akzeptanz ebenjener Normen möglich:

„The girls who do achieve acceptance as punks are those who have achieved the acceptance of punk males by measuring up to the masculinist standards of the subculture.” (Leblanc 1999:132)

Während Leblanc die Situation im Kontext der Punk-Szenen der von ihr interviewten US-amerikanischen Frauen beschreibt, zeigt sich das Bewusstsein für einen männlich-normativen Standard auch in den Interviews, die NPR mit Musikerinnen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kontexten führte:

Hannah Lew (*1981): „It’s unfortunate that a lot of women feel that they need to assume men’s roles to feel empowered about what they are doing. I would like to think that we as women can help foster new positive female identities that don’t rely on dusty gender stereotypes.” (NPR 2010)

Quellen:

Gottlieb, Joanne; Wald, Gayle (1994): „Smells like teen spirit: Riot Grrrls, revolution and women in independent rock“. In: Ross, Andrew; Rose, Tricia, Microphone friends: youth music and youth culture. London & New York, NY: Routledge. 250-274.
Leblanc, Lauraine (1999): Pretty in Punk: girls’ gender resistance in a boys subculture. New Brunswick, NJ: Rutgers University Press.
Spender, Dale (1990): Man made language. London: Pandora.
NPR (2010): Hey Ladies: Being a woman musician today.

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