„Punk Rock Dream Come True“ – Frauen im Punk


From the Back of the Room heißt eine neu erscheinende DVD der Produzentin Amy (kc/dc) Oden aus Washington DC, die sich der Geschichte der letzten 30 Jahre von Frauen im Punk widmet. Diese Geschichte wird von den Protagonistinnen selbst erzählt, die Liste der Interview-Partnerinnen verspricht Spannendes. Dem Trailer nach zu urteilen darf man aber auch reichlich Video-Material von Live-Auftritten erwarten! Thematisch scheint die Dokumentation besonders um die oft nicht einfache Situation von Frauen im Punk zu kreisen: „Race, gender, sexuality, motherhood, class, and activism are all addressed in this film, giving a more complete picture of how these women participate in the DIY community, and how it affects their daily lives.“ Dies will ich zum Anlass nehmen, um einige Gedanken zur Situation von Frauen im Punk anzustellen:

Die Handlungsräume für Frauen in Punk-Szenen werden in den meisten soziologischen und ethnologischen Studien ambivalent bewertet:
Einerseits öffnen bestimmte mit Punk verbundene Haltungen Frauen größere Möglichkeiten zur aktiven Teilhabe, als das in anderen Subkulturen der Fall ist. Der Brauch des Do-it-yourself bestärkt viele Frauen in ihrem Selbstbewusstsein, sich als Instrumentalistin auf der Bühne zu versuchen. Die Absicht dieser Haltung besteht im Selbermachen (von Zines, Musik, Konzerten etc.) ohne den Anspruch der Virtuosität, an dem sich im Gegensatz dazu beispielsweise Rock-Gitarristen messen lassen müssen. Ein egalitärer Grundton prägt die Rhetorik, die zur Vermittlung dieser Haltung verwendet wird wie im Interview mit dem Musiker und Dichter Attila the Stockbroker deutlich wird:

„The unwritten law of punk was that if there was a little bit of space and someone wanted to do something you would let them do it. The most fundamental thing was not the music or the politics, it was the simple fact that everybody felt that they could get up and do something […]” (Reddington 2005:242)

Andererseits finden trotz der kommunizierten offenen Haltung Ausschlüsse statt, indem zum Beispiel gesellschaftliche Gender-Normen im subkulturellen Kontext wiederholt werden und so eine Gender-Hierarchie etabliert wird, die Männer in den Mittelpunkt der Subkultur platziert. So sind Frauen zwar von Beginn an Teil der Punk-Szenen; diese Anwesenheit geht jedoch nicht mit gleicher hierarchischer Stellung einher. Die Schlüsselpositionen (Bandleader, Labelbetreiber, Konzertveranstalter etc.), welche mit der Funktion des Gatekeepers einhergehen, werden weiterhin von Männern besetzt, die so über die Räume für Frauen in der Szene bestimmen. Dies zeigt sich zum einen in den Ausdrucksmöglichkeiten, wie Punk-Zines, in welchen Themen, die Frauen betreffen, nicht artikuliert werden können und deswegen fehlen (vgl. Piano 2005:255).
Zum anderen zeigt sich dies in der Repräsentation und Wirkung der Szene nach Außen: Sowohl in wissenschaftlicher Geschichtsschreibung, als auch in journalistischen Berichten über Punk, wird die männliche Dominanz häufig unkritisch übernommen und die Beteiligung von Frauen ignoriert (vgl. Piano 2005:239).
Trotz einer überwiegend männlichen Hegemonie im Punk, werden dennoch neue Handlungsräume für Frauen in der Musik geöffnet:

„Punk and its aftermath, New Wave, played a significant role in bringing about this situation by changing a whole range of existing rock conventions, which opened up a space in which women could play.“ (Bayton 1998:63)

Viele Punk-Bands wenden sich gegen den Professionalismus der Rockmusik der 1970er Jahre, indem sie ihm einen bewussten Amateurismus gegenüberstellen (vgl. Bock 2008:37). Die geringen Ansprüche an die Musik, an das Equipment und an das Können der MusikerInnen verringern die Hürde für viele Frauen Instrumente auszuprobieren, Bands zu gründen und aufzutreten („This is a chord, this is another, this is a third. Now form a band.“). Während die mit Männlichkeit konnotierte Virtuosität des Gitarrenspiels in der Rockmusik auf viele Frauen abschreckend wirkt und das von Bourdieu beschriebene Phänomen der „gelernten Hilflosigkeit“ hervorruft, werden diese Konnotationen im Punk teilweise zerstört und das Image des männlichen „Gitarrengotts“ entmystifiziert. Eine solche Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten durch die Zerstörung bisheriger Konnotation findet auch für die weibliche Stimme statt, Simon Frith nennt als Beispiel den Gesang von Poly Styrene der Band X-Ray Spex:

„X-Ray Spex deliberately challenged the taken-for-granted reading of „male“ and „female“ voices both biologically – in terms of what girls do „naturally“ sound like – and idealogically – in terms of what girls should naturally sound like.“ (Frith 1996:196)

Quellen:
Bayton, Mavis (1998): Frock Rock : women performing popular music. Oxford & New York, NY: Oxford University Press.
Frith, Simon (1996): Performing rites: on the value of popular music. Cambridge, MA: Harvard University Press.
Reddington, Helen (2005): „’Lady’ punks in bands: a subculturette?”. In: Weinzierl Rupert; Muggleton, David (Hrsg.), The Post-Subcultures Reader. Oxford: Berg. 239-252.
Piano, Doreen (2005): „Resisting subjects: DIY feminism and the politics of style in subcultural production“. In: Weinzierl Rupert; Muggleton, David (Hrsg.), The Post-Subcultures Reader. Oxford: Berg. 253-268.

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